Schleiermacher: Vorschlag, das Wesen der christlichen Religion neu zu verstehen

Schleiermacher: Vorschlag, das Wesen der christlichen Religion neu zu verstehen
Schleiermacher: Vorschlag, das Wesen der christlichen Religion neu zu verstehen
 
In der Zeit der Aufklärung entstand die Religionsphilosophie als eine neue Disziplin innerhalb des Fächerkanons der Philosophie. Anders als die philosophische Kosmologie und die klassische Metaphysik in der Zeit der Antike und des Mittelalters behandelte die Religionsphilosophie nicht die Frage nach Gott, nach seiner Existenz (»Gottesbeweise«) sowie nach seinen Eigenschaften und das Problem der Erschaffung des Kosmos. Sie diskutierte vielmehr die Frage, welche Bedeutung »Religion« für den Menschen besitzen und welche der geschichtlich überlieferten Religionen die »dem Menschen« angemessene Form von Religiosität darstellen soll. Der Erörterung der Frage nach der Vernunftgemäßheit der Religion kommt auch eine eminent politische Relevanz zu; denn von einer hier gefundenen Antwort durfte erwartet werden, dass sie zur Aussöhnung der seit der Reformation miteinander rivalisierenden christlichen Konfessionen und damit auch zur Beilegung der letztlich politisch motivierten Glaubenskämpfe beitragen konnte. Diese von der Aufklärungsphilosophie entfaltete »Religionsphilosophie« kann auch als »Religions-Kritik« im eigentlichen Sinn des Wortes bezeichnet werden; denn wie die hier aufgenommene ursprüngliche Bedeutung des Begriffs der »Kritik« deutlich macht - das griechische Verb »krinein« bedeutet »unterscheiden, untersuchen, auswählen« -, geht es dieser Religionsphilosophie nicht einfach um eine Ablehnung oder Zurückweisung von Religion, sondern um eine unterscheidende Überprüfung der geschichtlich überlieferten Religionen im Licht der philosophischen Vernunft.
 
Kants Beitrag zu dieser philosophischen Diskussion stellt ein bedeutsames Beispiel für die Religionsphilosophie der Aufklärung dar. So hatte er schon im Jahr 1781 in der Vorrede zur ersten Auflage seiner »Kritik der reinen Vernunft« davon gesprochen, dass es die Aufgabe der Philosophie sei, einen »Gerichtshof« der Vernunft »einzusetzen«. Dieser sollte Kant zufolge nicht nur die überlieferte Philosophie, sondern alle überkommenen Auffassungen und Weltdeutungen auf ihre mögliche Übereinstimmung mit der Vernunft überprüfen und das Mandat erhalten, »alle«, wie er schreibt, »grundlosen Anmaßungen nicht durch Machtansprüche«, sondern nach den Gesetzen der Vernunft abzuwehren«. Seinem aufklärerischen Programm folgend unterzog Kant auch die überlieferte christliche Religion einer Kritik. Wie schon der Titel seiner Religionsschrift aus dem Jahr 1793 - »Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« - andeutete, ging es Kant nicht um eine Ablehnung der Religion, sondern um die Reformulierung der Inhalte der auf die Offenbarung gestützten theologischen Aussagen, zum Beispiel über Gott, Jesus Christus, die Kirche, »innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«. Als ein wesentliches Ergebnis hielt Kant den unverzichtbaren Beitrag der Religion für das moralische Handeln des Menschen fest. Kant sprach in diesem Zusammenhang auch von einer »moralischen Religion, die nicht in Satzungen und Observanzen, sondern in der Herzensgesinnung zur Beobachtung aller Menschenpflichten als göttlicher Gebote« besteht. Diese »moralische Religion« nannte Kant zugleich eine »natürliche Religion«, die, wenn sie auch historisch einmal geoffenbart worden ist, für Kant zugleich »so beschaffen ist, dass die Menschen durch den bloßen Gebrauch ihrer Vernunft auf sie von selbst hätten kommen können und sollen«.
 
Gegen diese Auslegung der christlichen Religion als Ausdruck der praktischen Vernunft des Menschen wandte sich der aus Breslau stammende Friedrich Schleiermacher in seinen 1799 anonym veröffentlichten »Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern«. Schleiermacher war zu diesem Zeitpunkt Prediger an der Berliner Charité. Im Sinne seiner Eltern, des Mililtärpfarrers Gottlieb Schleiermacher und seiner Ehefrau Maria Catherina, spirituell vom Geist der Herrnhuter Brüdergemeine geprägt, hatte Schleiermacher vor der Aufnahme seiner Predigttätigkeit in Berlin Studien der klassischen Philologie, der Philosophie und der protestantischen Theologie in Halle absolviert. In Berlin kam er in der Zeit nach 1796 über den Salon der Henriette Herz mit dem Kreis der Frühromantiker in engen Kontakt. Unter ihnen befand sich auch Friedrich Schlegel, mit dem sich Schleiermacher so eng befreundete, dass beide zeitweilig eine gemeinsame Wohnung teilten. In der Zeit dieser engen Freundschaft begann Schleiermacher, angeregt von Schlegel, die Dialoge Platons zu übersetzen sowie seine Stellungnahme zur Religionsphilosophie auszuarbeiten.
 
Schleiermachers »Reden über die Religion« können als eine Wende in der Religionsphilosophie gelesen werden. Das Ziel seiner Schrift war unzweideutig der Versuch einer vollständigen Rehabilitierung der christlichen Religion und die Eröffnung eines neuen Zugangs zu ihr für die von Schleiermacher angesprochenen »gebildeten Verächter« des Christentums. Zu ihnen zählte er jedoch nicht nur die Vertreter der Aufklärung, sondern auch die Verteidiger der protestantischen Orthodoxie. Beide Gruppierungen verfehlen nämlich, so Schleiermacher, das wahre Wesen der christlichen Religion: die einen, indem sie Religion auf Moral reduzieren, die anderen, weil sie die Lebendigkeit und Innerlichkeit der Religion auf die äußeren Formeln einer Doktrin verkürzen. Die Religion war für Schleiermacher jedoch in Wahrheit nicht zuerst eine Institution moralischen Handelns oder eine Lehre, sondern vielmehr lebendiger »Ausdruck« des Menschen, und - wie er es mit der Sprache der Romantiker ausdrückte - ein »heiliger Instinkt« sowie »die zarteste Blume der Fantasie«. Mit diesen Formulierungen wollte Schleiermacher auf den mystischen Kern des Christentums aufmerksam machen, den die Philosophie der Aufklärung mit ihrem bürgerlichen Streben nach praktischer Nützlichkeit und die auf Selbsterhaltung bedachte protestantische Orthodoxie übersahen. Doch der von Schleiermacher herausgestellte mystische Zug der Religion wies eher Ähnlichkeiten mit Spinozas Religionsverständnis als mit der Mystik des Mittelalters auf; die von Schleiermacher in den Mittelpunkt gestellte religiös-mystische Erfahrung vollzieht sich nämlich als Einswerden mit der Unendlichkeit des »Universums«. In diesem Sinn bezeichnete Schleiermacher Religion auch als den »Geschmack« des Menschen »für das Unendliche«.
 
Auf diesem Weg wollte Schleiermacher die Religion von der Vorherrschaft der philosophischen Metaphysik und der Moral befreien, unter die sie geraten sei. Die Religion, schrieb er, »begehrt nicht, das Universum seiner Natur nach zu bestimmen und zu erklären wie die Metaphysik, sie begehrt (auch) nicht, aus der Kraft der Freiheit und der göttlichen Willkür es fortzubilden und fertig zu machen wie die Moral. Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl«. Der Gegenstand der religiösen Anschauung ist Schleiermacher zufolge jedoch nicht unmittelbar Gott, sondern das Universum, von dem sich der religiöse Mensch ergreifen und erfüllen lässt.
 
Die damit vorgeschlagene Unterscheidung der Religion von Metaphysik und Moral führte jedoch nicht zu einer restlosen Ablösung der Religion von der Philosophie; denn Schleiermacher versuchte zu zeigen, dass Metaphysik und Moral im Letzten auch dieselbe Einsicht suchen, die im Modus der Anschauung und der gefühlsmäßigen Gewissheit des Glaubens auch das Wesen der Religion ausmacht. Dies führt zu einer gewissen Nachordnung der Metaphysik und der Moralphilosophie hinter die Einsichten der Religion. Die Metaphysik geht von der endlichen Natur des Menschen und dessen Verstandesbegriffen aus, um mit den elementarsten Begriffen beginnend die Bedeutung des Universums in seiner Gesamtheit für den Menschen zu bestimmen; doch die unmittelbare Anschauung der Religion, die auf dieselbe Einsicht zielt, bewegt sich, wie Schleiermacher betonte, immer schon »in der unendlichen Natur des Ganzen, des Einen und des Allen«.
 
Eine ähnliche Vorrangstellung der Religion ergibt sich auch für ihr Verhältnis gegenüber der Moral. So geht für Schleiermacher, der darin Kant folgte, die Moral vom Bewusstsein der Freiheit des Menschen aus, deren Geltungsbereich sie zugleich unbegrenzt zu erweitern sucht; die Religion hat nun diese Freiheit immer schon auf ihre Weise erfasst, indem sie die Freiheit dort thematisiert, »wo sie selbst schon wieder Natur geworden ist«; damit wird nach Schleiermacher deutlich, dass die Fragen der Metaphysik und Moral, die von der Philosophie im Blick auf unterschiedliche Geltungsbereiche in getrennten Diskursen verhandelt werden, nicht nur der Sache nach mit der Religion verbunden sind, sondern zugleich auch von ihr vollendet werden. Schleiermacher bezeichnete darum die Religion auch »als das notwendige und unentbehrliche Dritte« neben der philosophischen Erkenntnis der Metaphysik und der Moral.
 
Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann
 
 
Röd, Wolfgang: Der Weg der Philosophie von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Band 2: 17. bis 20. Jahrhundert. München 1996.

Universal-Lexikon. 2012.

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